Warum „Cyntoia Brown – Die Geschichte einer begnadigten Mörderin“ mich zum Bloggen animierte

Normalerweise verbringe ich zum Abschalten und Entspannen gerne gesellige Abende in einer Bar, mit bekannten und unbekannten Gesichtern, in ungezwungener Athmosphäre, mit Gesprächen über Gott und die Welt, in allen Tiefen und Untiefen. Das war im Dezember 2020 aufgrund der Corona-Pandemie und des damit einhergehenden Lock-Downs eher schwierig. Daher machte ich es mir als Alternative zwischendurch auf der Couch gemütlich, um mit einem Film den Tag abzuschliessen. So auch an diesem Abend.
Vor einigen Jahren sorgte eine Geschichte durch und über Social Media für grosses Aufsehen, vor allem in Amerika, doch wer weltweit Vernetzt ist, bekam davon auch ausserhalb etwas mit. Eine 16-Jährige wurde in den USA wegen Mordes, trotz Jugendalter, nach Erwachsenenstrafrecht zu 90 Jahren Gefängnis verurteilt. Es handelte sich um eine Teenagerin namens Cyntoia Brown, die sich prostituiert und in diesem Zusammenhang einen Mann umgebracht haben soll. Beim Browsen durch die Netflix-Bibliothek – ich belohnte das Einreichen der Dispo meiner Bachelorarbeit im Oktober 2020 mit einem Netflix-Abo – stiess ich auf die Doku „Cyntoia Brown – Die Geschichte einer begnadigten Mörderin“, in welcher die erwähnte Geschichte aufgearbeitet wird. Mich nahm natürlich wunder, wie es schliesslich ausgegangen und was aus der mittlerweile erwachsenen Cyntoia Brown geworden ist.
Ich war gerade ungefähr in der Hälfte der typisch Amerikanischen Netflix-Produktion. Bis dahin wurde mir Cyntoia Brown als eine sympathische junge Frau vorgestellt, die reflektiert über ihre Tat berichtete und trotz ausweglos erscheinender Situation, ihre Hoffnung nicht aufgibt. Fünfzehn Jahre hat sie insgesamt im Gefängnis verbracht. In dieser Zeit habe sie ihren Grade Point Average (zum Studieren berechtigende maturaähnliche Prüfung) nachgeholt und dabei Bestnoten erzielt sowie zwei College-Abschlüsse erworben. Dann wurde ihre leibliche Mutter interviewt, die über die Umstände der Schwangerschaft erzählte und wie sie damals aus Verzweiflung täglich eine Flasche Wodka trank. „Wow“, dachte ich, „kann das sein?“
In Entwicklungspsychologie, im ersten Semester meines Bachelors, streiften wir kurz das Thema des Fetalen Alkoholsyndroms (FAS). Die Fetalen Alkoholspektrumsstörungen (FASD), wurden erwähnt (auch im Deutschsprachigen Raum wird die Englische Abkürzung FASD verwendet, die für Fetal Alcohol Spectrum Disorders steht. Sie umfasst auch das Vollbild FAS und wo nicht ausdrücklich beide Begriffe stehen, verwende ich diese inklusiv). Dies im Zusammenhang mit Umweltgiften, sogenannte Teratogene, welche das werdende Kind im Mutterleib schädigen können. Alkohol gehört dabei zu den schädlichsten Substanzen, weil dessen Moleküle ungehindert die Plazenta passieren und ein Embryo oder Fötus diese kaum abbauen kann. Folgen können Organschäden sein, doch Alkohol beeinflusst insbesondere die Entwicklung des Nervensystems und damit auch Gehirnfunktionen. Damaliges Fazit, etwas vereinfacht formuliert: Kinder mit einem FAS oder einer FASD sind dumm, anhänglich-naiv und ein Leben lang auf Hilfe angewiesen, haben oft ein deformiertes Gesicht.
Dieses Bild passte überhaupt nicht zu dem, was ich in diesem Dokumentarfilm sah: Eine junge, eigenständig denkende, selbstreflektierte Frau, mit zwei College Abschlüssen. Eine Unstimmigkeit, die tausend Fragen aufwarf und meine Neugier weckte. Der Fall wurde wieder eröffnet und erneute Gerichtsverhandlungen folgten. Ein psychiatrisches Gutachten bestätigte bei Cyntoia Brown eine Fetale Alkoholspektrumsstörung, zwar ohne die üblichen Gesichtsmerkmale, dennoch höheren Grades. Ich dachte, wenn eine Cyntoia Brown mit einer FASD einen guten Schulabschluss erzielt und zwei College-Abschlüsse schafft, muss ich mein Bild dazu massiv revidieren. So wollte ich unbedingt mehr wissen, fing an zu recherchieren, fand Studien, fand heraus, dass es auch Menschen mit einer FASD gibt, mit einen IQ im normalen oder gar überdurchschnittlichen Bereich. Zudem sind es, wenn ich es richtig im Kopf habe, nur um die 10% oder weniger, die die typischen Gesichtsdeformationen aufweisen, was bedeutet, dass man einer Grosszahl der Betroffenen ihre FASD nicht ansieht…Und ich kam aufgrund meiner Fünde, doch viel mehr noch Nichtfünde (dazu weiter unten mehr) zum Schluss: Nicht nur ich muss meine Ansichten überdenken, ich glaube, wir haben da etwas nachzuholen, als Gesellschaft, in der Schweiz. Und zwar dringend.
In einem Faktenblatt des BAG von 2018 heisst es: „In westlichen Industrieländern werden schätzungsweise 20 auf 1000 Kinder mit FASD geboren. Rund 2 bis 5 davon haben ein FAS (Fetales Alkoholsyndrom). Das Syndrom bezeichnet schwerere Fälle mit bestimmtem Krankheitsbild. Bezogen auf die 85’000 Lebendgeburten in der Schweiz im Jahr 2017 sind dies schätzungsweise 1700 Fälle von FASD und 170 bis 425 Fälle von FAS pro Jahr. Die Schweiz gehört im globalen Vergleich zur Gruppe von Ländern mit dem höchsten Alkoholkonsum und entsprechend einer hohen FASD-Quote.“ Rechnet man dies prozentual, würde das bedeuten, dass in der Schweiz jährlich bis zu 2.5% der Kinder, die geboren werden, mit einer FAS oder FASD zur Welt kommen und es kann von einer grossen Dunkelziffer ausgegangen werden.
Aufgrund der doch beachtlichen Prävalenz düfte man davon ausgehen, dass es in der Schweiz eine Fachstelle, Expertengruppe oder zumindest Interessengemeinschaft zum Thema FASD gibt. Mit dieser Annahme ging ich auf die Suche, fündig wurde ich allerdings nicht. Nicht einmal eine Facebook- oder anderweitige Selbsthilfegruppe scheint es schweizweit zu geben. Spreche ich das Thema bei Bekannten an, scheinen nur wenige etwas über FASD gehört zu haben. Diese Wissenslücke gibt mir zu denken. Denn, was bedeutet dies für Betroffene und deren Umfeld? Wo finden Menschen Information oder Unterstützung? Wer diagnostiziert FASD? FASD ist eine angeborene neurologische Entwicklungsstörung, die theoretisch komplett vermeidbar wäre. Warum reden wir nicht vermehrt über Alkohol während der Schwangerschaft? Müsste hier nicht längst eine nationale Präventionskampagne am laufen sein…eine Fachstelle errichtet werden, eine Aufklärung passieren und ein Beratungsangebot bestehen?
Meinem ersten Impuls folgend, entwarf ich einen Brief ans BAG, in dem ich mein Anliegen vorbringen wollte und folgende Fragen stellte:
- Wann wird für die Schweiz eine Fachstelle zum Thema Fetale Alkohol Spektrumsstörungen errichtet?
- Welche Pläne gibt es Bundesweit, um für das Thema zu sensibilisieren?
- Welche Pläne gibt es, um Betroffenen Hilfsangebote zur Verfügung zu stellen?
- Wie kann ich etwas dafür tun, damit die Schweiz sich diesem Thema annimmt?
Vorerst stand jedoch meine Bachelorarbeit an, daher liess ich die Sache für einmal ruhen, denn ich wollte nochmals sorgfältig recherchieren, um Zahlen zu nennen und vor allem Kosten zu berechnen respektive aufzuzeigen, welche durch eine frühzeitige Intervention und Prävention eingespart werden könnten. Denn Zahlen und insbesondere Geld sprechen eine deutliche Sprache, wenn man gehört werden will.
Im Rahmen eines Moduls meines Masterstudiums habe ich nun das Thema wieder aufgegriffen. Dabei überlegte ich, wie ich eine Grundlage schaffe, um verschiedensten Interessengruppen Zugang zu Informationen zum Thema FASD zu verschaffen. So sammelte ich viele Links zu Webseiten, Videoporträts und weiteren Ressourcen. Ich wollte auf diese Weise eine spätere Kampagne oder Initiative vorbereiten, damit man wie an einem Buffett finden kann, was man dazu braucht. Ich dachte über eine App nach, die als Plattform oder Kompetenzzentrum dienen könnte, machte mich daran, einen Prototyp zu gestalten. Allerdings empfand ich mein Vorhaben zusehends voreilig. Ich wollte nicht etwas produzieren, das schön aussieht, theoretisch wunderbar ist, doch am Ende nur in der Schublade landet respektive irgendwo in der XD Cloud hängen bleibt, da es gar kein Bedürfnis abdeckt. Ausserdem möchte ich nicht eine App designen, ich möchte mich über FASD unterhalten und weitere Menschen für das Thema erreichen, damit es nicht nur in Deutschland, Österreich, Australien oder Kanada eine Diskussion dazu gibt, sondern auch hier, bei uns, in der Schweiz. Ich wünsche mir in der Schweiz eine Fachstelle, die sich um Information, Prävention, Unterstützungsangebote und auch Vernetzung kümmert. Deshalb entschied ich, als Erstes das Gespräch zu eröffnen, einen Blog anzufangen und zu schauen, was sich daraus ergibt.
So nehme ich euch mit auf eine Reise, nach FASDnation. Gerne beziehe ich dabei auch Gäste mit ein, welche zum Thema etwas wichtiges sagen möchten und können, möchte Betroffenen und ihrem Umfeld eine Stimme geben, Brisantes aufgreifen, mit euch auf Erkundungstour gehen, mich vernetzen und hoffe auf Austausch und Interaktion, neue Begegnungen, spannende Anregungen und unterhaltsame Inputs. Geplant ist, Monatlich einen eigenen Blogbeitrag zu publizieren. Gastbeiräge und Features sind ebenfalls denkbar. Wichtig ist mir, ein positiver und wertschätzender Ton. Denn warum über FASD, und Alkohol allgemein, wenig gesprochen wird, dazu habe ich natürlich meine Thesen…Darüber aber mehr im kommenden Blog.
Ich freue mich, wenn du dabei bist.
Über Kommentare, Anregungen und eine Diskussion freue ich mich. Ich behalte es mir vor, unsachliche Beiträge, Beleidigungen und Abwertungen ohne Vorwarnung zu löschen. Bei Grenzfällen prüfe ich sorgfältig, werde dabei Augenmass halten.
Danke fürs Lesen, bis zum nächsten Mal.
Beste Grüsse
Sarah Bohli – Angehende Psychologin
redaktion@fasdnation.net

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