…und warum FASD auch dich und mich etwas an geht

Im Lokal, in dem ich oft anzutreffen bin, gibt es ein ganz besonderes Getränk. Es wird in einem schönen, grossen, schwungvollen Bierglas ausgeschenkt, ist schillernd rot, mit liebevollen Zutaten wie Zitronen- und Orangenschnitzen sowie frischem Pfefferminz zwischen den Eiswürfeln. Natürlich war ich neugierig, als mein Gegenüber damit von der Bar kam, genussvoll einen Schluck nahm und wollte wissen, was denn das für ein spezieller Drink sei. Die Antwort überraschte mich genauso wie jeden, der seither von mir dasselbe wissen wollte: Hausgemachter Eistee. Der sah so gut aus, dass ich mir ebenfalls einen bestellte. Seither gehört er fest dazu, wenn ich dort einkehre, denn er schmeckt wirklich ausgezeichnet. Aber ja…eigentlich wollte ich darüber schreiben, warum wir bis jetzt kaum über die fetalen Alkoholspektrumsstörungen (FASD) respektive Alkoholkonsum in der Schwangerschaft reden.
Wollen wir uns über alkoholgeschädigte Kinder unterhalten, geht dies kaum, ohne über deren Mütter zu sprechen. Schliesslich sind es die Mütter, die während der Schwangerschaft Alkohol tranken und das ist der Grund, warum wir überhaupt darüber sprechen müssen. Ohne den Alkoholkonsum der Mütter, gäbe es keine Fetalen Alkoholspektrumsstörungen (FASD). Doch wird es dem Thema nicht gerecht, den Fokus ausschliesslich auf die Mütter zu setzen. Alkoholkonsum ist ein gesellschaftliches Thema, über das wir unbedingt aus gesellschaftlicher Perskeptive reden müssen. Bringe ich das Thema FASD auf, höre ich oft Reaktionen wie: «Wie kann denn eine Mutter so unvorsichtig sein?» Es wird von rücksichtslosen und egoistischen Alkoholikerinnen gesprochen, die trotz ihrer Sucht nicht aufs Kinder-auf-diese-Welt-stellen verzichten könnten oder das Verhüten nicht im Griff hätten, sowie von Frauen, die unbedingt Kinder wollten, gleichzeitig aber ihr Party-Leben weiterführten und nicht bereit seien, sich dem Kind zuliebe einzuschränken. Die Sache wird eher in einer ungebildeten sozialen Unterschicht verortet. Eine trügerische Annahme, die bezüglich FASD folgenschwer sein kann, da dieses Bild der Realität nicht gerecht wird. FASD zieht sich durch alle Gesellschaftsschichten. In einer Schweizerischen Studie der Forschenden Meyer-Leu Y., Lemola S., Daeppen J.B., Deriaz O., und Gerber S., aus dem Jahr 2011, gaben gerade Frauen über 30, mit einem guten Job sowie Schweizerischer oder Europäischer Herkunft, einen erhöhten Alkoholkonsum während der Schwangerschaft an. Darum…reden wir jetzt erst einmal über hausgemachten Eistee.
In einer Bar trifft man sich selten auf ein Mineralwasser. Wer sich trotzdem eins bestellt, hört schon mal Kommentare wie, ob er/sie denn nicht etwas «Richtiges» trinken wolle. Ein Bierchen in Ehren…zum Beispiel, ein Glas Wein oder wer es hat auch einen teureren Drink oder zwei. Man gönnt sich ja sonst nichts. Als Frau mit einem Bier in der Hand, erhalte ich auch 2022 noch anerkennende Kommentare, oft von männlichen Zeitgenossen – die finden das meistens besonders cool. Interessanterweise sind schiefe Blicke, wenn ich ein nichtalkoholisches Getränk bestelle, mit dem Älterwerden nicht weniger geworden. Will ich mich also nicht als Alkoholmuffel outen und trotzdem darauf verzichten…einen grossen hausgemachten Eistee im schönen Bierglas vor mir, und mir stellt kaum einer Fragen.
Alkohol gehört so selbstverständlich zu unserem Alltag, dass sich viele mit einem verlegenen Blick oder Spruch rechtfertigen, wenn sie beim Apero anstatt zum Wein zum Orangensaft greifen. In einem Fernsehbeitrag kürzlich gab jemand dem Reporter den Tipp, wie dieser abfällige Kommentare von Kolleg*innen bezüglich seiner Abstinenz umgeht: Ein Getränk bestellen, das von der Aufmachung her auch ein Bier sein könnte. Bin ich bei jemandem zu besuch, wird mir oft als Erstes etwas Alkoholisches angeboten. Das gehört zum guten Ton. Restaurants machen einen Hauptteil des Umsatzes mit alkoholischen Getränken und eine Bar lebt eigentlich davon, dass Leute Alkoholisches konsumieren. Alkohol ist allgegenwärtig und es ist nicht einfach, abstinent zu sein, wenn das Umfeld es nicht ist, beziehungsweise unterstützt. Das geht so weit, dass ich mir cool vorkomme, mit einem hausgemachten Eistee im Bierglas…oder wäre dieser gleichermassen beliebt, käme er im Sirupbecher?
Keinen Alkohol zu trinken hat etwas Tabuhaftes. Offen dazu stehen ist so eine Sache. Es könnte ja sein, dass das Gegenüber annimmt, man habe ein Alkoholproblem. Dry January geht gerade noch, im Januar keinen Alkohol trinken ist eine Art Statement. Aber danach sollte man nicht päpstlicher sein wie der Papst. Schliesslich hat man alles im Griff! Bei Angaben über den tatsächlichen Alkoholkonsum trifft man gern auf Ungenauigkeiten. Wer hält schon klar fest, wann er was trinkt? Es braucht in der Regel viel, bis jemand für sich einsieht, wenn sein Trinkverhalten problematisch ist. Alkoholiker sind die, die man verwarlost auf einer Bank antrifft oder der von der Sozialhilfe abhängige Nachbar…solange man im Leben steht, seinen Verpflichtungen nachkommt, ist alles gut, geht es keinen etwas an.
Ich hatte einen Bekannten, der immer betonte, solange er zur Arbeit gehe und sein eigenes Geld verdiene, könne ihm keiner etwas sagen. Er hatte eine leitende Funktion, war bei der Arbeit pünktlich und zuverlässig, trank mehrere Liter Bier täglich, nach der Arbeit. Eine Person in meinem Praktikum in der Psychiatrie meinte im Eintrittsgespräch, sie habe nur zwei Dosen Bier getrunken, um sich ins Taxi in die Klinik zu setzen, sie trinke sonst kaum. Was dieses Kaum bedeute, wollte sie nicht spezifizieren. Sie hatte ein Sixpack dabei, das die Pflege beschlagnahmte. Über Kokain konnte die Person ohne weiteres sprechen, auch über ihre Leiden. Gekommen sei sie, weil sie sich habe das Leben nehmen wollen. In einem weiteren Gespräch wurde mir klar: Ihr eigentliches Problem ist Alkohol, doch darüber wollte sie nicht sprechen, obwohl sie damit genau am richtigen Ort gewesen wäre. Der Suchtdruck wurde so gross, dass sie dann an einem Morgen kurzerhand austrat, noch bevor die Tagesschicht begann. Eine Person in der Klinik eröffnete einmal ein Gespräch damit, wie sie den ganzen Sonntag gekifft habe, sie wisse, die UP (Urinprobe) sei positiv, die Pflege wisse es auch, sie habe es ihr gesagt, wenn sie wollten, sollten sie sie doch rausschmeissen. Ich antwortete: «Wissen Sie was? Das interessiert mich überhaupt nicht.» Daraufhin wurde die Person plötzlich ruhig und begann über die Scham zu reden, es am Wochenende beim Einkaufen wieder nicht am Regal mit dem Alkohol vorbeigeschafft zu haben. Etwas, das ich bei Patient*innen mit Alkoholproblematik praktisch immer antraf: Grosse Scham. Selbst bei meinem ehemaligen Bekannten.
Scham. Das Thema Alkohol, egal von welcher Seite betrachtet, ist schambehaftet. Wofür wir uns schämen, darüber reden wir nur ungern. Scham ist eines der unangenehmsten menschlichen Gefühle und nicht einfach auszuhalten. Um weniger davon zu fühlen, kann man sie wegtrinken…oder auf andere übertragen. Der beste Freund meines ehemaligen Bekannten lebte von der Sozialhilfe und der Alkohol hatte dessen Körper bereits massiv zugesetzt. Wenn auch sonst in der Regel wertschätzend im Umgang, hörte ich den Bekannten oft mit deutlicher Verachtung sagen: «Wenn ich einmal so dran bin wie der! Aber bis dahin muss mir keiner einen Vorwurf machen!» Solange es also einen gab, der schlimmer dran ist wie er, kann er sich über ihn erheben und muss weniger Scham empfinden, schämen müsste sich der Freund.
Es ist einfach, Frauen zu beschämen, die während der Schwangerschaft Alkohol trinken. Aber, bei ungeplanten Schwangerschaften wissen Frauen manchmal erst ab dem dritten Monat oder später, dass sie schwanger sind. Auch das Wissen um die Schädlichkeit von Alkohol in der Schwangerschaft ist oft unzureichend oder fehlt. Ausserdem hat, das Umfeld einen erheblichen Einfluss auf unser Trinkverhalten und da sind Schwangere nicht ausgenommen. Wie schnell ist man versucht zu denken: «Hach, wegen einem Glas…» Bevor wir anfangen mit dem Finger auf andere zu zeigen, dürfen wir uns deshalb fragen: «Wie gehe ich persönlich mit Alkohol um, und zwar meinem eigenen Konsum, aber auch dem der anderen? Wie respektiere und unterstütze ich den Wunsch meines Gegenübers, keinen Alkohol zu trinken? Welchen Stellenwert hat Alkohol in meinem Leben und Alltag?» Diese Ehrlichkeit schulden wir uns und allen, die von den Folgen schädlichen Alkoholgebrauchs in irgendeiner Weise betroffen sind. Es geht dabei jedoch nicht darum, Schuldige zu finden, denn das hilft keinem respektive verstärkt nur die Scham, die den dringend nötigen Dialog verhindert. Ein Dialog muss stattfinden, damit Menschen mit einer FASD bestmöglich unterstützt werden können und die Prävalenz von FASD zurückgeht. Das geht nur mit einer Haltung, die es allen ermöglicht, offen mit dem Thema umzugehen. Dazu gehört das Gespräch über unseren Umgang mit Alkohol und zwar ganz allgemein. Wollen wir aber reden, müssen wir Schuldzuweisungen auf der Seite lassen, ansonsten erstickt das Gespräch im Keim.
Natürlich ist es die Verantwortung der werdenden Mutter, wo es in ihrer Macht steht, so zu leben, dass ihr Kind gesund zur Welt kommt. Ausserdem wäre es falsch zu fordern, dass wir alle aus Rücksicht vollständig auf Alkohol verzichten. Doch das Umfeld hat einen grossen Einfluss auf das eigene Konsumverhalten. Darum können wir alle einen Beitrag zur Prävention von FASD leisten, der uns kaum etwas kostet, indem wir aufhören, Alkoholabstinenz zu belächeln oder zu pathologisieren; indem wir uns darin üben, die Getränkewahl des Gegenübers kommentarlos zu respektieren, egal wie diese ausfällt; indem wir den Konsum nichtalkoholischer Getränke normalisieren…und wenn die Schwangere Freundin anwesend ist, mit einem hausgemachten Eistee anstossen, zum Beispiel. Denn die Sache geht uns alle etwas an. Schliesslich bezahlen wir als Gesellschaft einen hohen Preis, wenn die Prävalenz von FASD weiterhin so bleibt, bedenkt man, dass diese Entwicklungsstörung komplett vermeidbar wäre und der Förder- und Betreuungsbedarf von Betroffenen gross ist.
Für den offenen Dialog ist ein wertschätzender, Lösungs- und Ressourcenorientierter Umgang mit dem Thema enorm wichtig. Vielleicht wichtiger, als bei anderen Themen. Weshalb dem so ist, werde ich in meinem nächsten Blog berichten, in dem es um eine bemerkenswerte Mutter mit ihren drei Kindern geht.
Ich freue mich, wenn du wieder dabei bist.
Über Kommentare, Anregungen und eine Diskussion freue ich mich. Ich behalte es mir vor, unsachliche Beiträge, Beleidigungen und Abwertungen ohne Vorwarnung zu löschen. Bei Grenzfällen prüfe ich sorgfältig, werde dabei Augenmass halten.
Danke fürs Lesen, bis zum nächsten Mal.
Beste Grüsse
Sarah Bohli – Angehende Psychologin

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